Eiche ist nicht die Antwort auf jede Gestaltungsfrage.

Stellen wir uns ein Wohnzimmer vor. Auf dem Boden liegen Eichendielen, daneben steht ein Esstisch aus Eiche. Jetzt soll an die freie Wand ein Schrank: Platz für Bücher, Geschirr und die Dinge, die bisher keinen festen Ort haben. Auch er soll aus Eiche sein. Das passt schließlich zum Rest. Auf dem Papier scheint die Entscheidung damit erledigt. Im Raum beginnt sie gerade erst.

Dass die Wahl so oft auf Eiche fällt, überrascht kaum. Sie gilt seit Jahren als das beliebteste Möbelholz der Deutschen und dominiert auch bei Parkett. Doch ihre Beliebtheit beantwortet noch nicht die Frage, welches Holz zu diesem einen Raum passt. 

Denn der Boden hat eine Zeichnung, der Tisch eine andere. Die Dielen gehen ins Goldbraune, die Tischplatte ist heller. Das neue Möbel bringt noch einmal einen eigenen Ton mit. Und obwohl überall dieselbe Holzart steht, wirkt das Ganze vielleicht weniger zusammengehörig als erwartet. Eiche ist eben kein festgelegter Farbton. Und ein Raum besteht aus mehr als den Namen seiner Materialien.

Eiche ist nicht gleich Eiche.

An Eiche gibt es viel zu mögen. Ihre Poren, die Zeichnung der Jahresringe, die sichtbaren Spiegel, ihre unterschiedlichen Farbtöne. Sie kann kräftig wirken und sich genauso gut zurückhalten. Ein Tisch aus breiten, astigen Bohlen erzählt eine andere Geschichte als eine Schrankfront mit fein ausgewähltem, geradlinigem Furnier. Beides ist Eiche. Im Raum übernehmen diese Flächen sehr unterschiedliche Aufgaben.

Schon die Schnittrichtung beeinflusst das Holzbild. Je nachdem, wie der Stamm aufgeschnitten wird, treten bogenförmige Fladern, geradere Linien oder die Markstrahlen als glänzende Spiegel hervor. Dazu kommen Auswahl, Zusammenstellung und Oberfläche. Wer nur die Holzart bestimmt, hat einen wesentlichen Teil der Gestaltung noch vor sich. 

Auf einem kleinen Muster kann eine lebhafte Zeichnung reizvoll sein. Auf einer Wand aus sechs Schranktüren bekommt sie ein anderes Gewicht. Was in der Hand wie ein schönes Detail aussieht, kann über mehrere Quadratmeter den Blick dauerhaft an sich ziehen. Genau deshalb reicht es nicht, ein Stück Holz zu mögen. Man muss sich vorstellen können, wie viel davon später vor einem steht.

Das gilt auch für ruhige Flächen. Ein sorgfältig ausgewähltes Eichenfurnier kann eine große Schrankwand zusammenhalten, ohne sie schwer wirken zu lassen. Vielleicht braucht unser Wohnzimmer also gar keine andere Holzart. Vielleicht braucht es innerhalb der Eiche eine andere Entscheidung.

Was ist im Raum schon da?

Der neue Schrank kommt selten in ein leeres Zimmer. Da ist ein Boden, der bleibt. Eine Tür. Ein Sessel, den jemand seit Jahren liebt. Vielleicht der Kirschbaumschrank der Eltern oder ein kleiner Tisch aus Nussbaum, den man irgendwann gekauft hat, ohne den Rest der Einrichtung danach auszurichten. Diese Dinge gehören zum Leben der Menschen. Ein Entwurf muss mit ihnen umgehen können.

Nun alles auf Eiche zu bringen, wäre eine mögliche Antwort. Aber sie würde unter Umständen genau das beseitigen, was dem Raum seine persönliche Geschichte gibt. Der alte Kirschbaumschrank muss sich nicht verstecken, weil der neue Boden aus Eiche ist. Er braucht vielleicht eine Wandfarbe, die ihn einbindet, und ein neues Möbel, das ihm nicht die Aufmerksamkeit nimmt. 

Auch ein deutlicher Unterschied kann verbinden. Ein dunklerer Tisch vor einem hellen Boden lässt beide Flächen erkennbar bleiben. Ein Schrank in einer zurückhaltenden Farbe kann Ruhe schaffen, während daneben eine Holzfläche ihren Charakter zeigt. Entscheidend sind dabei die Größe der Flächen, ihre Helligkeit, ihre Zeichnung und die Formen der Möbel. 

Deshalb wäre es ebenso voreilig, Eiche grundsätzlich durch Nussbaum oder Ahorn zu ersetzen. Auch eine zweite Holzart kann zu viel werden. Und ein Raum mit viel Eiche kann ausgesprochen stimmig sein. Es kommt darauf an, wie sie ausgewählt und eingesetzt wurde. Die Holzart allein entscheidet weder über Ruhe noch über Unruhe.

Ein heller Holzschrank, der an eine Ecke einer weißen Wand grenzt, und ein Holzfußboden.

Das Muster muss mit nach Hause

Solche Entscheidungen lassen sich am besten dort prüfen, wo das Möbel später stehen wird. Ein Muster auf den vorhandenen Boden legen, an die Wand halten, neben die Tür stellen. Dann ein paar Schritte zurückgehen. Passt der Ton wirklich? Ist die Ähnlichkeit überzeugend, oder sieht es aus, als hätte man denselben Farbton gesucht und knapp verfehlt?

Das Tageslicht gehört dazu. Ebenso die Leuchte, die abends eingeschaltet wird. Eine Oberfläche, die im hellen Besprechungsraum gefällt, muss zu Hause nicht dieselbe Wirkung haben. Muster geben dabei einen Anhaltspunkt; sie zeigen nur einen Ausschnitt des gewachsenen Materials. Bei größeren Flächen müssen wir zusätzlich über das spätere Holzbild sprechen: über die Richtung der Maserung, ihre Lebhaftigkeit und darüber, wie sie sich über die Fronten fortsetzt.

Bei Interlignum gehört deshalb auch die Frage auf den Tisch, ob das neue Möbel überhaupt überall Holz zeigen sollte. Eine farbig beschichtete Front mit einer offenen Nische aus Furnier kann genau die richtige Gewichtung haben. Das Holz bekommt einen bestimmten Platz, den man bewusst wahrnimmt. Der Schrank erfüllt seine Aufgabe, ohne jede seiner Flächen in den Vordergrund zu stellen.

Diese Entscheidung braucht manchmal länger als die Auswahl einer Holzart. Dafür lässt sich vor der Fertigung klären, was sonst erst nach dem Einbau auffällt. Wer den Raum als Ganzes betrachtet, kann einem vorhandenen Möbel seinen Platz lassen, ein neues zurücknehmen oder einem besonderen Stück Holz bewusst Aufmerksamkeit geben.

Kehren wir zu unserem Wohnzimmer zurück. Der Eichenboden bleibt, der Tisch auch. Der neue Schrank könnte eine ruhige Furnierfront bekommen. Vielleicht wird er farbig, mit einer Nische aus Holz. Das lässt sich erst entscheiden, wenn wir den Raum angesehen haben. Die Bücher haben anschließend ihren Platz, das Geschirr ebenso. Und beim Hereinkommen fällt der Blick vielleicht wieder auf den Tisch, an dem jemand schon sitzt.

Die freie Wand brauchte einen Schrank. Welches Holz sie brauchte, war damit noch nicht gesagt.

Architekturgrundrisse auf einem Holzschreibtisch mit Materialmustern, einem Bleistift und Zeichenlinealen.

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