Auf Maß ist noch lange nicht nachgedacht.

Ein Schrank passt millimetergenau zwischen zwei Wände. Die Türen schließen sauber, die Fugen stimmen und auch die letzte Ecke ist ausgenutzt. Handwerklich gibt es nichts zu beanstanden. Trotzdem kann das Ergebnis enttäuschen. Der Raum wirkt vollgestellt, die Proportionen sind unglücklich und im Alltag stellt sich heraus, dass zwar jeder Zentimeter genutzt wurde, aber längst nicht alles seinen richtigen Platz gefunden hat.

Der Schrank wurde auf Maß gefertigt. Nur wurde offenbar nicht ausreichend darüber nachgedacht, was er eigentlich leisten sollte.

Maßanfertigung gilt heute beinahe automatisch als Qualitätsversprechen. Wer etwas individuell anfertigen lässt, erwartet zu Recht mehr als eine Lösung von der Stange. Doch zunächst bedeutet Maßanfertigung nur, dass sich die Abmessungen eines Möbels an einem bestimmten Raum orientieren. Über seine Gestaltung, seine Alltagstauglichkeit oder darüber, ob es den Raum tatsächlich verbessert, sagt das noch erstaunlich wenig aus.

Ein Zentimeter mehr Stauraum ist nicht automatisch ein Zentimeter mehr Lebensqualität.

Gerade bei Einbauschränken begegnet uns häufig der Wunsch, möglichst viel unterzubringen. Vom Fußboden bis zur Decke, von Wand zu Wand, jede Nische soll genutzt werden. Das ist verständlich. Wohnraum ist kostbar, und Dinge brauchen ihren Platz. Aber muss ein Schrank wirklich jede verfügbare Fläche beanspruchen? Manchmal gewinnt ein Raum gerade dadurch, dass man bewusst etwas frei lässt. Eine zurückspringende Front, eine andere Aufteilung oder ein paar Zentimeter weniger Tiefe können mehr bewirken als zusätzlicher Stauraum.

Gute Gestaltung beginnt deshalb nicht mit der Frage, wie groß ein Schrank werden kann. Sondern damit, was sich durch ihn verändern soll.

Soll ein unruhiger Raum endlich Klarheit bekommen? Sollen Dinge verschwinden, die bisher ständig im Blickfeld liegen? Geht es darum, morgens schneller das Richtige zu finden, oder darum, dass ein Schlafzimmer wieder wie ein Schlafzimmer wirkt und nicht wie ein begehbares Lager? Die Antworten führen zu ganz unterschiedlichen Möbeln, selbst wenn die Abmessungen des Raumes identisch sind.

Und dann sind da noch die Gewohnheiten der Menschen. Wer morgens im Halbdunkel seine Kleidung sucht, braucht eine andere Schrankaufteilung als jemand, der seine Garderobe sorgfältig nach Farben sortiert. Wer einen Staubsauger unterbringen möchte, muss auch daran denken, wie er ihn wieder herausbekommt. Und eine Schublade, die sich nur öffnen lässt, wenn vorher eine Tür geschlossen wird, bleibt eine schlechte Idee. Auch dann, wenn sie auf den Millimeter genau gefertigt wurde.

Solche Dinge stehen in keinem Aufmaß. Man muss danach fragen, sie erkennen und manchmal auch die ursprüngliche Vorstellung des Kunden infrage stellen.

Manchmal ist unsere wichtigste Arbeit, von einer Idee abzuraten.

Das mag ungewöhnlich klingen. Schließlich könnten wir den gewünschten Schrank einfach bauen. Doch wenn wir bereits bei der Planung erkennen, dass eine andere Lösung besser wäre, gehört es für uns zum Handwerk, das auch zu sagen. Ein Möbel ist schließlich keine Anschaffung für die nächsten zwei Jahre. Im besten Fall begleitet es seine Besitzer über Jahrzehnte. Da darf man sich für die Entscheidungen am Anfang ruhig etwas mehr Zeit nehmen.

Auch die Wahl des Materials gehört dazu. Nicht jede Holzart passt zu jedem Raum, nicht jede lebhafte Maserung verträgt sich mit einer großen Schrankfront. Manchmal braucht es die Wärme eines natürlichen Furniers, manchmal eine ruhige Farbfläche. Entscheidend ist nicht, möglichst viel Material zu zeigen, sondern es dort einzusetzen, wo es dem Möbel und dem Raum guttut.

Bei Interlignum beschäftigen wir uns deshalb mit der Wirkung eines Möbels, bevor wir uns mit seiner Fertigung beschäftigen. Mit Proportionen, Blickachsen, Bewegungsflächen und der Frage, wie sich ein Raum anfühlen soll. Wir überlegen, was sichtbar bleiben darf, was verschwinden sollte und welche Details den Alltag tatsächlich erleichtern. Erst wenn diese Entscheidungen getroffen sind, werden aus Überlegungen konkrete Maße.

Natürlich muss anschließend auch handwerklich alles stimmen. Eine schlecht sitzende Tür wird durch einen guten Entwurf nicht besser. Aber umgekehrt macht eine perfekt eingepasste Tür aus einem schlechten Entwurf noch lange kein gutes Möbel.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zwischen einem Schrank, der lediglich in einen Raum passt, und einem Schrank, der wirklich für diesen Raum gemacht wurde. Den ersten kann man ausmessen. Für den zweiten muss man nachdenken.

Auf Maß zu fertigen ist unser Handwerk. Herauszufinden, was das richtige Maß ist, gehört zu unserer Verantwortung.

Gute Gestaltung. Natürlich Holz. Ehrliches Handwerk.

Architekturentwürfe für einen Kleiderschrank auf einem Schreibtisch mit Holzmustern, Stoffmustern und einem aufgeschlagenen Designbuch.

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